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Arbeitnehmerüberlassung: Haftung des Auftraggebers
Arbeitsrecht
Arbeitnehmerüberlassung: Wann haftet der Auftraggeber?
Zeitarbeitsfirma beauftragt, Leiharbeitnehmer eingesetzt, Monatsrechnung bezahlt — und trotzdem eine Nachforderung der Krankenkasse über einen substanziellen Betrag im Briefkasten. Für viele Geschäftsführer ist die Haftung als Entleiher in der Arbeitnehmerüberlassung ein blinder Fleck.
Team Advofleet
Veröffentlicht: 8. August 2026
Aktualisiert: 17. Oktober 2026
12 Min. Lesezeit
Auf einen Blick
Zentrales Gesetz
Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG), § 28e SGB IV, § 42d EStG
Überlassungshöchstdauer
max. 18 Monate (tarifvertraglich bis 24 Monate verlängerbar)
Bürgenhaftung Sozialversicherung
§ 28e Abs. 2 SGB IV — selbstschuldnerisch wie ein Bürge
Folge fehlender Erlaubnis
Fiktion eines Arbeitsverhältnisses zum Entleiher (§ 10 Abs. 1 AÜG)
Verjährungsfrist Beiträge
4 Jahre (SGB IV); bei Vorsatz des Entleihers 30 Jahre
Das Wichtigste in Kürze
Der Entleiher haftet nach § 28e Abs. 2 SGB IV wie ein selbstschuldnerischer Bürge für Sozialversicherungsbeiträge, die der Verleiher nicht abführt — unabhängig davon, ob er von der Pflichtverletzung wusste.
Fehlt dem Verleiher die Erlaubnis nach § 1 AÜG, gilt kraft Gesetz ein Arbeitsverhältnis zwischen dem Leiharbeitnehmer und dem Entleiher als entstanden (§ 10 Abs. 1 AÜG) — mit allen arbeitsrechtlichen Folgen.
Überschreitet die Überlassung die gesetzliche Höchstdauer von 18 Monaten ohne tarifvertragliche Öffnungsklausel, droht ebenfalls die Fiktion eines Arbeitsverhältnisses zum Entleiher.
Entleiher tragen die volle Arbeitsschutzverantwortung am Einsatzort: Unfälle und Verstöße gegen das Arbeitsschutzgesetz treffen den Betrieb, nicht die Zeitarbeitsfirma.
Eine sorgfältige Vertragsgestaltung mit ausdrücklicher Kennzeichnung als Arbeitnehmerüberlassung sowie laufende Dokumentation der Verleiherlaubnis sind die wichtigsten Schutzmaßnahmen für den Entleiher.
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Zeitarbeitsfirma beauftragt, Leiharbeitnehmer eingesetzt, Monatsrechnung bezahlt — und trotzdem eine Nachforderung der Krankenkasse über einen substanziellen Betrag im Briefkasten. Für viele Geschäftsführer ist die Haftung als Entleiher in der Arbeitnehmerüberlassung ein blinder Fleck.
Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) regelt das Dreiecksverhältnis zwischen Verleiher, Leiharbeitnehmer und Entleiher präzise. Wer als Entleiher die Kontrollpflichten ignoriert — von der Verleiherlaubnis bis zur Überlassungshöchstdauer — trägt erhebliche rechtliche und finanzielle Risiken, die weit über den eigentlichen Vertrag hinausgehen.
Dieser Ratgeber zeigt, in welchen Konstellationen der Auftraggeber (Entleiher) persönlich haftet, welche Prüfpflichten gelten und wie Sie die Risiken durch saubere Vertragsgestaltung begrenzen.
Was ist das rechtliche Dreiecksverhältnis der Arbeitnehmerüberlassung?
Bei der Arbeitnehmerüberlassung sind drei Parteien beteiligt: der Verleiher (Zeitarbeitsfirma), der Leiharbeitnehmer und der Entleiher (Auftraggeber-Unternehmen). Der Verleiher schließt den Arbeitsvertrag mit dem Leiharbeitnehmer und bleibt dessen Arbeitgeber — auch während der gesamten Überlassungszeit.
Zwischen Verleiher und Entleiher wird ein Arbeitnehmerüberlassungsvertrag geschlossen. Der Verleiher verpflichtet sich darin, dem Entleiher vorübergehend einen geeigneten Arbeitnehmer zur Arbeitsleistung zu überlassen. Der Entleiher erhält das Direktionsrecht: Er weist den Leiharbeitnehmer an, bestimmt Arbeitszeit, -ort und -inhalt.
Diese Aufspaltung hat eine zentrale Konsequenz für die Haftungsverteilung: Vergütung, Entgeltfortzahlung bei Urlaub und Krankheit sowie Sozialversicherungsanmeldung obliegen dem Verleiher als Arbeitgeber. Gleichzeitig gehen Fürsorgepflichten am Einsatzort und das Direktionsrecht auf den Entleiher über — mit entsprechenden Pflichten in Sachen Arbeitsschutz und Gleichbehandlung.
Entscheidend ist: Die Bezeichnung im Vertrag allein ist nicht maßgeblich. Wenn die tatsächliche Durchführung zeigt, dass Personal überlassen und vom Auftraggeber gesteuert wird, kann AÜG-Recht greifen — auch wenn der Vertrag ursprünglich als Werkvertrag formuliert wurde. Dieser Grundsatz schützt vor der Umgehung des AÜG durch falsche Etikettierung.
Zwischen Verleiher und Leiharbeitnehmer muss zwingend ein Arbeitsverhältnis bestehen (§ 1 Abs. 1 Satz 3 AÜG). Ein Ketten-, Zwischen- oder Weiterverleih ist damit ausgeschlossen. Wer als Entleiher einen Sub-Verleiher ohne direktes Arbeitsverhältnis zum Leiharbeitnehmer beauftragt, bewegt sich außerhalb des gesetzlichen Rahmens.
Erlaubnispflicht und Kontrollpflichten: Was der Entleiher vor Vertragsschluss prüfen muss
Jeder Verleiher, der im Rahmen seiner wirtschaftlichen Tätigkeit Arbeitnehmer an Dritte überlässt, benötigt zwingend eine Erlaubnis der Bundesagentur für Arbeit (§ 1 Abs. 1 AÜG). Fehlt diese Erlaubnis, sind sowohl der Arbeitnehmerüberlassungsvertrag zwischen Verleiher und Entleiher als auch der Arbeitsvertrag zwischen Verleiher und Leiharbeitnehmer unwirksam (§ 9 Abs. 1 Nr. 1 AÜG).
Die Folge einer solchen Unwirksamkeit ist gravierend: Das Gesetz ordnet in § 10 Abs. 1 Satz 1 AÜG an, dass ein Arbeitsverhältnis zwischen dem Leiharbeitnehmer und dem Entleiher als entstanden gilt. Wer sich als Entleiher mit einem nicht lizenzierten Verleiher einlässt, riskiert, dass die vermeintlichen Zeitarbeitskräfte rechtlich zur eigenen Belegschaft gehören — mit allen daraus folgenden arbeitsrechtlichen Ansprüchen.
Vor Vertragsschluss und laufend während der Überlassung sollten Entleiher die Gültigkeit der Verleiherlaubnis dokumentiert vorhalten. Eine mündliche Versicherung des Verleihers reicht nicht. Die Prüfung ist zu wiederholen, wenn ein bestehender Vertrag verlängert oder ein neuer Verleiher hinzugezogen wird. Fehlende Dokumentation kann im Streitfall als mangelnde Sorgfalt gewertet werden.
Daneben schreibt § 1 Abs. 1 AÜG vor, dass Verleiher und Entleiher die Überlassung in ihrem Vertrag ausdrücklich als Arbeitnehmerüberlassung bezeichnen, bevor der Leiharbeitnehmer tätig wird. Diese Kennzeichnungspflicht ist keine Formalität: Fehlt sie, kann die verdeckte Arbeitnehmerüberlassung dieselben Rechtsfolgen auslösen wie eine Überlassung ohne Erlaubnis.
Ein praktisches Beispiel aus der Beratungspraxis: Ein Maschinenbauunternehmen aus dem Großraum Stuttgart hatte über zwei Jahre hinweg regelmäßig Fachkräfte über einen Dienstleistungsrahmenvertrag beschäftigt, der als Werkvertrag bezeichnet war. Eine Betriebsprüfung der Deutschen Rentenversicherung wertete die Konstellation als verdeckte Arbeitnehmerüberlassung. Da der Dienstleister keine AÜG-Erlaubnis besaß, wurden dem Unternehmen als Entleiher rückwirkend sämtliche Sozialversicherungsbeiträge in Rechnung gestellt.
Praxis-Tipp
Der Entleiher haftet nach § 28e Abs. 2 SGB IV wie ein selbstschuldnerischer Bürge für Sozialversicherungsbeiträge, die der Verleiher nicht abführt — unabhängig davon, ob er von der Pflichtverletzung wusste.
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Bürgenhaftung nach § 28e SGB IV: Wenn die Zeitarbeitsfirma die Beiträge nicht zahlt
Selbst bei einer vollständig erlaubten Arbeitnehmerüberlassung bleibt ein zentrales Haftungsrisiko für den Entleiher: die Bürgenhaftung für Sozialversicherungsbeiträge nach § 28e Abs. 2 SGB IV. Zahlt der Verleiher die Sozialversicherungsbeiträge für die Leiharbeitnehmer nicht, kann der Entleiher wie ein selbstschuldnerischer Bürge in Anspruch genommen werden — ohne dass es eines eigenen Verschuldens bedarf.
Diese Bürgenhaftung gilt für sämtliche Beitragsarten: Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen-, Renten- und Unfallversicherung. Sie erfasst sowohl den Arbeitnehmer- als auch den Arbeitgeberanteil. In der Praxis erfahren Entleiher von der Pflichtverletzung des Verleihers häufig erst dann, wenn sie Post von der Einzugsstelle erhalten — zu einem Zeitpunkt, an dem die Beitragsrückstände bereits erheblich aufgelaufen sind.
Bei erlaubter Arbeitnehmerüberlassung setzt die Haftung des Entleihers voraus, dass der Verleiher trotz Mahnung nicht gezahlt hat. Bei unerlaubter Überlassung entfällt diese Mahnstufe: Der Entleiher haftet dann unmittelbar als Arbeitgeber für sämtliche Sozialabgaben (§ 28e Abs. 2 SGB IV). Zusätzlich greift nach § 42d Abs. 6 EStG eine Haftung für nicht abgeführte Lohnsteuer.
Die Verjährungsfrist für diese Ansprüche beträgt nicht drei, sondern vier Jahre nach dem Recht des SGB IV — und kann bei Vorsatz des Entleihers auf 30 Jahre anwachsen. Für die Annahme von Vorsatz ist dem Entleiher jedoch ein eigener Vorsatz nachzuweisen; der Vorsatz des Verleihers schlägt nicht automatisch durch.
Schutz vor dieser Haftung bietet eine vertragliche Freistellungsklausel im Arbeitnehmerüberlassungsvertrag, in der der Verleiher den Entleiher von Beitragsausfällen freistellt. Im Insolvenzfall des Verleihers verpufft diese Klausel allerdings praktisch. Deshalb empfiehlt sich zusätzlich eine regelmäßige Bestätigung des Verleihers über die ordnungsgemäße Beitragsabführung — verbunden mit einem vertraglichen Auskunftsrecht.
Wichtig zu wissen
Fehlt dem Verleiher die Erlaubnis nach § 1 AÜG, gilt kraft Gesetz ein Arbeitsverhältnis zwischen dem Leiharbeitnehmer und dem Entleiher als entstanden (§ 10 Abs. 1 AÜG) — mit allen arbeitsrechtlichen Folgen.
Überlassungshöchstdauer: Welche Fristen gelten und was bei Überschreitung passiert
Der Verleiher darf denselben Leiharbeitnehmer grundsätzlich nicht länger als 18 aufeinanderfolgende Monate demselben Entleiher überlassen (§ 1 Abs. 1b AÜG). Dieselbe Frist gilt spiegelbildlich für den Entleiher. Vorherige Überlassungen durch andere Verleiher werden angerechnet, wenn zwischen den Einsätzen jeweils nicht mehr als drei Monate liegen.
Eine Abweichung von dieser 18-Monats-Grenze ist nur zulässig, wenn ein Tarifvertrag der Einsatzbranche eine längere Überlassungsdauer vorsieht. Nicht tarifgebundene Entleiher können durch Betriebs- oder Dienstvereinbarung einen einschlägigen Tarifvertrag übernehmen und so eine Verlängerung auf maximal 24 Monate erreichen (§ 1 Abs. 1b Sätze 4 bis 6 AÜG). Entleiher ohne Betriebsrat oder Personalrat haben diese Option nicht.
Die Rechtsprechung bewertet Überlassungen jenseits von 36 Monaten zunehmend als nicht mehr vorübergehend im Sinne des § 1 Abs. 1 AÜG. Überschreitet die Überlassung die zulässige Höchstdauer, gilt kraft Gesetzes ein Arbeitsverhältnis zwischen dem Leiharbeitnehmer und dem Entleiher als entstanden — es sei denn, der Leiharbeitnehmer widerspricht innerhalb eines Monats schriftlich. Diese Monatsfrist kann der Entleiher nicht verlängern.
Für Entleiher bedeutet das in der Praxis: Sie müssen Einsatzdauern aktiv tracken und nicht dem Verleiher überlassen. Werden Leiharbeitnehmer über mehrere Verleiher nacheinander eingesetzt, zählen die Zeiten zusammen, sofern keine Unterbrechung von mehr als drei Monaten liegt. Ein einfaches Austauschen des Verleihers bei gleichem Arbeitnehmer und gleichem Einsatz stoppt die Frist nicht.
Beim Einsatz von Leiharbeitnehmern als Streikbrecher greift ein gesetzliches Verbot: Nach § 11 Abs. 5 AÜG darf der Entleiher Leiharbeitnehmer nicht einsetzen, wenn sein Betrieb unmittelbar von einem Arbeitskampf betroffen ist oder die Leiharbeitnehmer Tätigkeiten von streikenden Arbeitnehmern übernehmen würden. Ein Verstoß begründet neben Bußgeldrisiken auch zivilrechtliche Haftungsansprüche.
Arbeitsschutz, Gleichbehandlung und Vertragsgestaltung: So sichern Sie Ihre Position als Entleiher
Der Entleiher trägt die volle Verantwortung für einen sicheren Arbeitsplatz am Einsatzort. Das Direktionsrecht, das auf den Entleiher übergeht, schließt die Pflicht zur Fürsorge und die Einhaltung aller Arbeitsschutzvorschriften ein. Kommt es am Einsatzort zu einem Arbeitsunfall, haftet der Entleiher — nicht die Zeitarbeitsfirma — für Verstöße gegen das Arbeitsschutzgesetz und die einschlägigen Unfallverhütungsvorschriften.
Der Gleichbehandlungsgrundsatz verpflichtet den Verleiher, dem Leiharbeitnehmer während der Überlassung grundsätzlich die wesentlichen Arbeitsbedingungen zu gewähren, die für vergleichbare Stammarbeitnehmer des Entleihers gelten (§ 8 AÜG) — einschließlich des Arbeitsentgelts. Abweichungen sind nur durch Tarifvertrag möglich. Der Entleiher ist verpflichtet, dem Verleiher die erforderlichen Informationen über die Arbeitsbedingungen der Vergleichsgruppe zur Verfügung zu stellen; kommt er dieser Pflicht nicht nach, riskiert er Schadensersatzansprüche des Verleihers.
Darüber hinaus hat der Entleiher die Leiharbeitnehmer über offene Stellen im Unternehmen zu informieren (§ 13a AÜG). Diese Transparenzpflicht zielt auf die Möglichkeit zur Übernahme in die Stammbelegschaft. Entleiher sollten auch Zugang zu betrieblichen Gemeinschaftseinrichtungen wie Kantinen oder Kinderbetreuungsangeboten gleichberechtigt gewähren.
Der Arbeitnehmerüberlassungsvertrag selbst muss ausdrücklich als solcher bezeichnet werden (§ 1 Abs. 1 AÜG) und die Person des einzusetzenden Leiharbeitnehmers vor Einsatzbeginn konkretisieren. Fehlt die ausdrückliche Kennzeichnung, spricht viel für eine verdeckte Arbeitnehmerüberlassung — mit denselben Haftungsfolgen wie bei fehlender Erlaubnis. Eine sorgfältige Vertragsgestaltung enthält außerdem Regelungen zur Einsatzdauer, zur Freistellungspflicht des Verleihers bei Beitragsausfällen sowie ein Auskunftsrecht über die Ordnungsgemäßheit der Sozialversicherungsabführung.
Ergänzend empfiehlt sich die laufende Dokumentation aller relevanten Unterlagen: Kopie der aktuellen Verleiherlaubnis, schriftliche Konkretisierung der eingesetzten Person vor Einsatzbeginn, Nachweis der Beitragsabführung in regelmäßigen Abständen und Protokolle zur Einsatzdauer. Diese Dokumentation ist im Streitfall mit der Einzugsstelle oder im arbeitsgerichtlichen Verfahren der entscheidende Unterschied zwischen einer Haftung und einem abgewiesenen Anspruch.
Fazit
Arbeitnehmerüberlassung bietet KMU echte Flexibilität — aber nur, wenn der Entleiher seine Pflichten kennt und aktiv wahrnimmt. Die Kontrolle der Verleiherlaubnis, die ausdrückliche Vertragsbezeichnung, das aktive Tracking der Überlassungsdauer und das Einholen regelmäßiger Beitragsnachweise sind keine bürokratischen Formalien, sondern wirksame Haftungsschutzmaßnahmen. Wer diese Punkte vernachlässigt, riskiert die gesetzliche Fiktion eines ungewollten Arbeitsverhältnisses und substanzielle Nachforderungen der Sozialversicherungsträger.
Lassen Sie Ihren Arbeitnehmerüberlassungsvertrag sowie die laufende Vertragsgestaltung mit Verleihern anwaltlich überprüfen — bevor eine Betriebsprüfung oder eine Nachforderung der Krankenkasse die Schwachstellen aufdeckt.
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