Ein Aushang am Schwarzen Brett, eine E-Mail an die Belegschaft, drei Beschäftigte, die zur Wahlversammlung einladen: Sobald die ersten Schritte zur Betriebsratsgründung sichtbar werden, greift ein strafbewehrtes Schutzregime. § 20 Abs. 1 BetrVG verbietet jede Behinderung der Wahl, § 119 BetrVG stellt Verstöße unter Strafe. Für Geschäftsführung und HR-Leitung bedeutet das: Jede Reaktion auf die Nachricht einer geplanten Betriebsratsgründung ist rechtlich heikel.
Viele mittelständische Unternehmen sind auf diese Situation nicht vorbereitet. Wächst ein Betrieb über die Schwelle von fünf wahlberechtigten Beschäftigten hinaus, kann jederzeit eine Initiative zur Betriebsratsgründung entstehen, oft ohne Vorwarnung. Unbedachte Reaktionen, etwa eine schnelle Kündigung des Initiators oder das Zurückhalten von Unterlagen, führen schnell zu Straf- und Kündigungsschutzverfahren. Wer die Grenzen kennt, kann sich sachlich positionieren, ohne sich rechtlich angreifbar zu machen.
Was regelt das Behinderungsverbot nach § 20 BetrVG genau?
§ 20 Abs. 1 BetrVG bestimmt, dass niemand die Wahl des Betriebsrats behindern darf. Das Verbot richtet sich nicht nur an die Geschäftsleitung, sondern an jede Person im Unternehmen: Führungskräfte, Personalabteilung, einzelne Kollegen und auch einen bereits amtierenden Betriebsrat, der die Neuwahl verzögern will.
Geschützt ist der gesamte Ablauf der Wahl, von der Bestellung des Wahlvorstands bis zur Bekanntgabe des Ergebnisses. Das schließt Vorbereitungshandlungen ein, etwa die Einladung zur Wahlversammlung oder die Erstellung der Wählerliste. Wer bereits in dieser frühen Phase Druck ausübt, verstößt gegen § 20 BetrVG, auch wenn noch kein Wahlvorstand offiziell bestellt wurde.
Ergänzt wird das Wahlschutzverbot durch § 78 BetrVG, das die laufende Tätigkeit von Betriebsrat, Wahlvorstand und Jugend- und Auszubildendenvertretung vor Störung schützt. Beide Normen zusammen decken damit den kompletten Lebenszyklus der Mitbestimmung ab, von der Gründungsinitiative bis zur täglichen Betriebsratsarbeit nach erfolgter Wahl.
Relevant wird das Thema für KMU meist erst mit wachsender Belegschaft. Nach § 1 BetrVG kann ein Betriebsrat in Betrieben mit in der Regel mindestens fünf ständigen wahlberechtigten Arbeitnehmern gewählt werden, von denen drei wählbar sein müssen. Gerade Startups und schnell wachsende Mittelständler überschreiten diese Schwelle oft, ohne dass die Geschäftsführung die betriebsverfassungsrechtlichen Pflichten im Blick hat.
Welche Handlungen gelten als verbotene Behinderung der Wahl?
Als verbotene Behinderung gilt jede Handlung, die die Wahl erschwert, verzögert oder Beschäftigte von der Teilnahme abhält. Dazu zählen das Zurückhalten notwendiger Unterlagen ebenso wie die Androhung von Nachteilen oder das Versprechen von Vorteilen an potenzielle Kandidaten.
Typische Beispiele aus der Praxis sind die Verweigerung der Wählerliste an den Wahlvorstand, das bewusste Verzögern von Räumen oder Terminen für die Wahlversammlung sowie informelle Gespräche, in denen Vorgesetzte einzelnen Beschäftigten signalisieren, eine Kandidatur schade der Karriere. Auch das gezielte Versetzen eines Initiators in eine andere Abteilung kurz vor der Wahl kann als Behinderung gewertet werden, wenn dafür kein sachlicher Grund vorliegt.
Ein Beispiel aus der Beratungspraxis: Bei einem Logistikunternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet hatte die Personalabteilung die Herausgabe der Mitarbeiterliste an den frisch bestellten Wahlvorstand mehrfach verschoben und auf angebliche Datenschutzbedenken verwiesen. Nach anwaltlicher Prüfung stellte sich heraus, dass keine belastbaren datenschutzrechtlichen Gründe vorlagen, das Vorgehen wurde als Verzögerungstaktik im Sinne des § 20 BetrVG eingeordnet.
Die Grenze zwischen zulässiger Kritik und strafbarer Beeinflussung verläuft schmal. Eine sachliche Aussage wie ein Hinweis auf mögliche Kosten eines Betriebsrats ist grundsätzlich erlaubt. Sobald jedoch mit einer konkreten Konsequenz gedroht wird, etwa dem Verlust von Boni oder einer bevorstehenden Kündigung, liegt eine unzulässige Beeinflussung vor. Genau an dieser Stelle scheitern viele Führungskräfte, weil sie den Unterschied zwischen Meinung und Drohung im Alltagsgeschäft nicht sauber trennen.
Praxis-Tipp
§ 20 Abs. 1 BetrVG verbietet jede Behinderung der Betriebsratswahl ab der ersten Vorbereitungshandlung, nicht erst ab der Wahlversammlung.
Was dürfen Arbeitgeber während der Gründungsphase tun?
Arbeitgeber dürfen ihre Position zur Betriebsratsgründung sachlich und offen kommunizieren. Erlaubt ist alles, was Information und Meinungsäußerung bleibt, verboten ist alles, was Druck oder Anreiz zur Verhaltensänderung erzeugt.
Konkret zulässig sind etwa eine neutrale Informationsveranstaltung zu Rechten und Pflichten eines Betriebsrats, die frühzeitige Einholung arbeitsrechtlicher Beratung sowie die fristgerechte Bereitstellung der gesetzlich vorgeschriebenen Unterstützung. Nach § 20 Abs. 3 BetrVG trägt der Arbeitgeber die durch die Wahl entstehenden notwendigen Kosten, dazu gehören Räume, Material und die erforderliche Freistellung des Wahlvorstands für seine Tätigkeit.
Auch organisatorisch bleibt der Arbeitgeber handlungsfähig. Personalentscheidungen, die nicht im Zusammenhang mit der Wahl stehen, etwa reguläre Beförderungen oder betriebsbedingte Umstrukturierungen mit dokumentierten wirtschaftlichen Gründen, sind weiterhin möglich. Entscheidend ist, dass die Maßnahme nachweisbar unabhängig von der Betriebsratsgründung erfolgt und nicht zeitlich verdächtig mit der Wahlinitiative zusammenfällt.
Wir empfehlen, jede Kommunikation zur Betriebsratsgründung vor dem Versand rechtlich prüfen zu lassen und Gespräche mit Initiatoren oder Kandidaten zu dokumentieren. Diese Vorsicht schützt nicht nur vor einem Strafverfahren nach § 119 BetrVG, sondern auch vor einer späteren Wahlanfechtung nach § 19 BetrVG, die das gesamte Wahlverfahren rückwirkend in Frage stellen kann.
Wichtig zu wissen
Verstöße gegen das Behinderungsverbot sind nach § 119 BetrVG strafbar und können mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe geahndet werden.



