Ein Algorithmus entscheidet, welche wissenschaftliche Arbeit als exzellent gilt – und welche nicht. Das israelische Startup QED Science hat mit einem KI-gestützten Bewertungssystem kürzlich die vermeintlich besten Studien aus Bio- und Lebenswissenschaften der vergangenen zwölf Monate gekürt. Die Reaktion aus der Wissenschaft: scharfe Kritik an Transparenz, Methodik und Nachvollziehbarkeit des Rankings.
Für Geschäftsführer und Forschungsleitungen in Life-Science-Unternehmen, Pharma-Betrieben und forschungsnahen Startups ist das mehr als ein akademisches Scharmützel. Wer öffentlich mit einem KI-Score bewertet wird, trägt ein Reputationsrisiko – und wer selbst auf Basis solcher Scores Investitions- oder Kooperationsentscheidungen trifft, ein Haftungsrisiko. Dieser Beitrag ordnet die rechtliche Lage ein.
Was steckt hinter dem KI-Ranking von QED Science?
Das Startup QED Science bewertet wissenschaftliche Arbeiten automatisiert auf Originalität und Richtigkeit und hat daraus ein öffentliches Ranking namens The 1 Percent erstellt, das die aus seiner Sicht besten Studien der vergangenen zwölf Monate kürt. Genau diese Automatisierung ist der Streitpunkt: Forscher zweifeln daran, ob eine KI wissenschaftliche Qualität überhaupt zuverlässig und transparent beurteilen kann.
Ein Medizinprofessor der Universität Chicago bemängelt öffentlich, dass QED Science zwar eine Multi-Agent-KI-Architektur beschreibt, die tatsächliche Implementierung aber weder zur Einsicht noch zur Nachbildung oder Kritik zur Verfügung steht. Algorithmus, Prompts und Gewichtungen seien nicht offen genug, um den vergebenen Score unabhängig nachzuvollziehen.
Ein Biowissenschaftler der University of California ergänzt die Kritik an der Vergleichsmethodik selbst: QED Science messe den eigenen Score an klassischen Fachzeitschriften-Rankings, behaupte gleichzeitig aber, dass genau diese Rankings nicht aussagekräftig genug seien. Diese methodische Inkonsistenz schwächt die Glaubwürdigkeit des Verfahrens zusätzlich.
Für Unternehmen mit eigener Forschungsabteilung oder mit Lizenz- und Kooperationsverträgen im Wissenschaftsumfeld ist die Debatte relevant, weil solche Scores zunehmend außerhalb der Wissenschaft Wirkung entfalten: Investoren, Lizenzpartner oder Wettbewerber könnten sich künftig auf vergleichbare KI-Rankings berufen, ohne deren Methodik zu hinterfragen.
Welche rechtlichen Risiken drohen bewerteten Unternehmen?
Ein KI-Ranking kann geschäftsschädigend wirken, wenn es unwahre Tatsachenbehauptungen verbreitet oder ein verzerrtes Bild erzeugt – dagegen können sich betroffene Unternehmen wehren. Zentrale Anspruchsgrundlage ist § 824 BGB, der vor der Behauptung unwahrer Tatsachen schützt, die den Kredit oder Erwerb eines Unternehmens gefährden.
Ergänzend greift das Recht am eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb aus § 823 Abs. 1 BGB. Es schützt Unternehmen als juristische Personen vor rechtswidrigen Eingriffen in ihre wirtschaftliche Betätigung, auch wenn keine natürliche Person unmittelbar betroffen ist. Bei besonders schädigenden, sittenwidrigen Konstellationen kommt zusätzlich § 826 BGB in Betracht.
Entscheidend ist dabei stets die Abgrenzung zwischen Meinungsäußerung und Tatsachenbehauptung. Ein Score, der als bloße Einschätzung gekennzeichnet ist, genießt weiterreichenden Schutz durch die Meinungsfreiheit aus Art. 5 GG als eine als Faktum präsentierte Zahl. Genau hier liegt der wunde Punkt bei intransparenten KI-Systemen: Wenn Methodik und Datenbasis nicht offenliegen, lässt sich kaum beurteilen, ob ein Score noch Meinung oder bereits unbelegte Tatsachenbehauptung ist.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Biotech-Unternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet stellte fest, dass eine öffentlich zugängliche KI-Bewertung seine zentrale Studie im Vergleich zu Wettbewerbern deutlich abwertete, ohne die zugrunde liegenden Kriterien offenzulegen. Erst nach anwaltlicher Aufforderung zur Offenlegung der Methodik korrigierte der Anbieter die Darstellung.
Praxis-Tipp
Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die durch ein KI-Ranking geschäftsschädigend falsch dargestellt werden, können sich auf § 824 BGB und das Recht am eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb nach § 823 BGB berufen.
Haftet der Anbieter für eine fehlerhafte KI-Bewertung?
Ja, ein Ranking-Anbieter kann haften, wenn er nachweislich falsche oder irreführende Bewertungen verbreitet und dadurch einen Schaden verursacht. Die Hürde liegt jedoch hoch: Der Geschädigte muss in der Regel darlegen, dass die Bewertung objektiv unrichtig war und nicht nur eine vertretbare fachliche Einschätzung.
Genau diese Darlegung wird durch intransparente Algorithmen erschwert – und genau deshalb ist die aktuelle Kritik an QED Science rechtlich relevant. Wenn ein Anbieter Gewichtungen und Trainingsdaten nicht offenlegt, kann ein betroffenes Unternehmen kaum beweisen, warum ein Score falsch zustande kam. Umgekehrt kann diese fehlende Nachvollziehbarkeit im Streitfall aber auch gegen den Anbieter sprechen, weil er seine Bewertung nicht substanziiert verteidigen kann.
Der europäische Rechtsrahmen verschärft diese Anforderungen zusätzlich. Nach Art. 50 der KI-Verordnung bestehen Transparenzpflichten für bestimmte KI-Systeme, etwa die Pflicht, den Einsatz von KI erkennbar zu machen. Wird ein Bewertungssystem zusätzlich in sensiblen Bereichen wie Personalentscheidungen oder Kreditvergabe eingesetzt, kann es sogar unter die Hochrisiko-Kategorie nach Anhang III der Verordnung fallen, für die ab dem 2. August 2026 strengere Dokumentations- und Prüfpflichten gelten.
Für reine Wissenschafts-Rankings wie das von QED Science ist eine Einstufung als Hochrisiko-System derzeit nicht ohne Weiteres anzunehmen. Sobald aber Unternehmen solche Scores für Finanzierungs-, Einstellungs- oder Lizenzentscheidungen heranziehen, verschiebt sich die rechtliche Bewertung – dann ist der konkrete Anwendungszweck entscheidend, nicht das Tool selbst.
Wichtig zu wissen
Wettbewerbsrechtliche Ansprüche nach § 4 UWG greifen, wenn ein Ranking gezielt einzelne Mitbewerber herabsetzt oder anschwärzt statt neutral zu informieren.
Warum die Sorgfaltspflicht der Geschäftsführung bei KI-Scores greift
Wer als Geschäftsführer oder Vorstand Investitions-, Lizenz- oder Kooperationsentscheidungen ungeprüft auf einen intransparenten KI-Score stützt, verletzt möglicherweise seine Sorgfaltspflicht. Die Business Judgment Rule schützt unternehmerische Entscheidungen nur dann, wenn sie auf angemessener Informationsgrundlage getroffen wurden.
Nach § 43 GmbHG für Geschäftsführer und § 93 AktG für Vorstände haftet die Leitungsebene, wenn sie ihre Sorgfaltspflichten verletzt und dem Unternehmen dadurch ein Schaden entsteht. Ein KI-Ranking, dessen Methodik ein Anbieter selbst nicht offenlegen kann, taugt kaum als alleinige Entscheidungsgrundlage für eine wesentliche Investition oder eine Lizenzvereinbarung.
In der Praxis bedeutet das: Wer KI-basierte Studien- oder Unternehmensbewertungen für Due-Diligence-Prozesse nutzt, sollte die Methodik dokumentieren, Plausibilitätschecks durch eigenes Fachpersonal einholen und die Entscheidung nicht allein auf den automatisierten Score stützen. Diese Dokumentation schützt im Streitfall die persönliche Haftung der Geschäftsführung.
Auch beim Einkauf von KI-gestützten Bewertungsdiensten lohnt ein Blick in den Vertrag. Gewährleistungsausschlüsse für die Richtigkeit der Bewertung sind bei vielen Anbietern Standard – wer sich auf einen fehlerhaften Score verlässt, trägt das wirtschaftliche Risiko dann selbst.
Was betroffene Unternehmen jetzt konkret tun sollten
Wer durch ein KI-Ranking negativ oder unrichtig dargestellt wird, sollte zunächst den konkreten Score und die veröffentlichte Begründung dokumentieren, bevor der Anbieter Daten aktualisiert oder löscht. Screenshots, Zeitstempel und die öffentlich zugängliche Methodenbeschreibung bilden die Beweisgrundlage für spätere Ansprüche.
Im zweiten Schritt empfiehlt sich eine schriftliche Aufforderung an den Anbieter, die Bewertungsmethodik offenzulegen und bei nachgewiesenen Fehlern eine Richtigstellung vorzunehmen. Viele Anbieter reagieren auf eine sachlich formulierte, anwaltlich geprüfte Aufforderung deutlich kooperativer als auf öffentliche Kritik in sozialen Medien.
Unternehmen, die selbst KI-Scores für interne Entscheidungen nutzen, sollten eine interne Richtlinie einführen, die den Einsatz solcher Tools regelt: Welche Scores dürfen wofür genutzt werden, wer prüft die Plausibilität, wie wird die Entscheidungsgrundlage dokumentiert. Das reduziert das Haftungsrisiko der Geschäftsführung erheblich.
Schließlich lohnt sich eine frühzeitige rechtliche Einschätzung, sobald ein Ranking wirtschaftlich spürbare Folgen hat – etwa bei Auswirkungen auf Finanzierungsrunden, Ausschreibungen oder Lizenzverhandlungen. Je früher Ansprüche geprüft werden, desto größer die Chance auf eine außergerichtliche Klärung.
Fazit
Die Debatte um QED Science zeigt exemplarisch, welche Reibungspunkte entstehen, wenn Algorithmen wissenschaftliche oder unternehmerische Leistung bewerten, ohne ihre Methodik offenzulegen. Für Unternehmen mit Forschungsbezug ist das kein rein akademisches Thema, sondern ein handfestes Reputations- und Haftungsrisiko.
Wer heute als Geschäftsführung KI-gestützte Bewertungen nutzt oder selbst Gegenstand solcher Rankings wird, sollte Methodik, Dokumentation und rechtliche Handlungsoptionen im Blick behalten – bevor aus einem intransparenten Score ein wirtschaftlicher Schaden wird.